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Die Forschungsprojekte werden durch Axel Heinze,

wissenschaftlicher Mitarbeiter und Museumslehrer

im Museum "Leben am Meer",  Esens betreut

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Vertiefende Informationen zu unserer Projektarbeit:


www.leben-am-meer.de/

www.pingos.kge-mediaworld.de/

www.wallhecken.kge-mediaworld.de/

www.kloester-in-der-samtgemeinde-esens.kge-mediaworld.de/

www.burg-esens.kge-mediaworld.de/html/archaologie.html



Wallhecken, Klosterlandschaften und

Pingos in Ostfriesland

- wie man junge Menschen für biologische Vielfalt begeistert


Das Museum „Leben am Meer“ in Esens ist aus einem Heimatmuseum hervorgegangen. Die Konzeption des Museums hat sich seit 1989 mit der Landschaft um Esens befasst, mit der geologischen Entwicklung sowie der Besiedlung der sehr unterschiedlichen Naturräume Marsch und Geest. Die Stadt Esens bildet das Bindeglied zwischen diesen Landschaften. Die Umbenennung wurde erforderlich, weil die Museumsbesucher mehrfach zum Ausdruck brachten, dass sie von einem Heimatmuseum andere Vorstellungen hätten. Zielgruppen des Museums sind zum einen der Fremdenverkehr, der in dieser Ferienregion (mehr als 2 Mio. Übernachtungen in der Samtgemeinde) viel Interesse an Landschaft und Naturraum hat. Daneben ist Esens mit seiner Jugendherberge auch Ziel für zahlreiche Klassenfahrten. Für sie ist die Entwicklung der Küstenlandschaft ein Unterrichtsthema, das hier im Museum vertieft werden kann. Dieses Thema wird auch von den Schulen der Region angenommen. Die Besucherzahlen verteilen sich nach unseren Erhebungen zu etwa 80 % auf Feriengäste, 15 % Schulklassen und 5 % regionale Bevölkerung.

Die inhaltliche Arbeit im Museum wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern geleistet, nur die Museumsleitung ist eine feste Halbtagsstelle. Zahlreiche Arbeiten für das Museum und im Museum werden durch Schüler des Niedersächsischen Internatsgymnasiums und anderer Schulen der Region geleistet. In Arbeitsgemeinschaften oder Projekten wurden von Anfang Themen der Archäologie, Geologie und Geographie der Region aufgearbeitet und im Museum ausgestellt. Zum Beispiel die Warftsiedlung Nordwerdum konnte in mehreren Projekten detailliert dokumentiert werden und lieferte damit die Basis der Besiedlungsgeschichte der Marsch. Archäologische Funde und geologische Befunde im Watt vor dem Deich rundeten das Bild ab und erlauben im Museum die Rekonstruktion der Entwicklung dieser Landschaft über mehr als 2000 Jahre in enger Zusammenarbeit mit dem archäologischen Dienst der Ostfriesischen Landschaft.

Seit einigen Jahren hat das Museum eine FÖJ-Stelle (Freiwilliges ökologisches Jahr), da die Themen des Museums sich neben der Kulturlandschaft eben auch mit dem Naturraum befassen, eine Kulturlandschaft ist ohne den naturräumlichen Hintergrund nicht zu verstehen. Die Aufgabe des FÖJ-lers im Museum besteht unter anderem darin, Schulgruppen diesen Hintergrund im Museum zu erschließen oder auch auf Wunsch bei Erkundungen in der Landschaft zu verdeutlichen. Die reliefarme ostfriesische Landschaft bietet dem Gast aus anderen Regionen ohne entsprechende Erläuterungen nur wenige Hinweise.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven wurden die Ergebnisse der Ausgrabung des frühmittelalterlichen Gräberfeldes von Dunum dargestellt.

In den letzten Jahren wurden regelmäßig Projekte mit Schülern für das Museum durchgeführt, teilweise mit bedeutender Förderung durch Stiftungen. Hier ist vor allem die Aktion „Denkmal-aktiv“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zu nennen, die Irma-Waalkes-Stiftung in Emden und die Robert-Bosch-Stiftung. Ziel dieser Projekte war die Erschließung von Spuren der Kulturlandschaft, die in der Region noch massiv zu finden sind.

Die Ergebnisse werden im Museum entweder in Sonderausstellungen dargestellt oder in die Kernkonzeption des Museums integriert. Zudem ist ein Ziel unserer Museumsarbeit, diese Spuren durch Fahrradtouren oder Wanderrouten in der Landschaft dem Museumsbesucher zu verdeutlichen. Dies ist ohne personelle Führung nur dann sinnvoll, wenn die Kulturlandschaftsspuren in geeigneter Weise auch in der Landschaft erläutert werden. Für Ortsfremde erhält das Landschaftsbild damit einen wesentlich höheren Informationsgehalt. Aber auch in der regionalen Bevölkerung geht das Wissen über den Zusammenhang und die Geschichte einzelner Strukturen langsam verloren und kann auf diese Art an die jüngere Generation weitergegeben werden.

Kulturlandschaft ist die durch den Menschen gestaltete Naturlandschaft, sie ist einem Prozess der ständigen Entwicklung und Veränderung unterworfen, aber auch immer ein Dokument unserer Geschichte, das man lesen kann und mit dem man jungen Menschen ein Reich der Entdeckungen eröffnen kann. Gleichzeitig ist Kulturlandschaft auch immer ein Lebensraum für eine vielfältige Flora und Fauna, die aber auch dann erst richtig eingeordnet werden kann, wenn der Gesamtkontext verstanden wird.


Drei Beispiele aus den letzten Jahren sollen hier exemplarisch dargestellt werden:


1. Klöster in der Samtgemeinde Esens


In der Umgebung von Esens gab es im Mittelalter fünf Klosteranlagen, über die von historischer Seite nur wenig bekannt war. Die Geländeuntersuchungen mit den Schülern brachten überraschende Ergebnisse. Zahlreiche Spuren, die eindeutig der mittelalterlichen Klosterlandschaft zugehörten, waren in der Landschaft noch zu finden. Herausragende Beispiele waren die Fischteiche von zwei Klöstern, die neben ihrer Bedeutung als Kultur-und Bodendenkmal auch besondere Lebensräume für Pflanzen und Tiere darstellten. Die Ergebnisse wurden für zwei Jahre im Museum in einer Sonderausstellung gezeigt, es wurde eine Publikation dazu angefertigt und eine Radtour vorgeschlagen, auf der die Spuren in der Landschaft entdeckt werden können. Es stellte sich bei der Arbeit heraus, dass die Klöster eine wesentliche Rolle bei der Erschließung der Kulturlandschaft in dieser Region spielten, vor allem im Bereich der Wasserwirtschaft, die in dieser reliefarmen Landschaft eine viel größere Bedeutung besitzt als in anderen Landschaften Deutschlands.


Die Karte aus dem Jahr 1589 mit fünf Klostersignaturen war der Auslöser der Erforschung dieser Bodendenkmäler


Schüler untersuchen Fundmaterial der Klosterstätten


2. Wallhecken in Ostfriesland


Wallhecken sind das kennzeichnende Merkmal der küstennahen Geestlandschaft in Ostfriesland. Allerdings haben sie sich in den letzten Jahren nur einen Namen als Streitobjekt zwischen Naturschutz und Landwirtschaft gemacht, ihre historische und wirtschaftliche Bedeutung wurde dabei kaum berücksichtigt. In einem einjährigen Schulprojekt mit Unterstützung der Aktion Denkmal-aktiv wurde die Geschichte der Wallhecken und damit auch ihr wirtschaftlicher Hintergrund durchleuchtet. Außerdem wurden die verschiedenen Formen sowie die jeweils zugehörige Flora und Fauna kartiert und die Ergebnisse in die Dauerausstellung des Museums integriert und eine Publikation dazu angefertigt. Durch das Verständnis des historischen Hintergrundes erfahren die Wallhecken auch in ihrer Bedeutung für die Artenvielfalt eine ganz andere Bewertung. Durch Vorschläge von Rad- und Fußtouren durch die Wallheckenlandschaft von Dunum werden dem Besucher diese Dokumente der Landwirtschaftsgeschichte in der Landschaft erschlossen.

Schülergruppe in der Wallheckenlandschaft


Drahtschmiele als kennzeichnendes Gras alter Wallhecken


Alter Wallheckenweg


3. Pingos


Pingos sind gewaltige Hügel mit einem Eiskern, die sich bei Permafrost im Bereich des Periglazials entwickeln und nach dem Abtauen des Eiskernes zumeist kreisrunde Hohlformen in der Landschaft zurücklassen, die Pingo-Ruinen. Dieses Phänomen wurde bisher von der Wissenschaft in Norddeutschland wenig beachtet. Durch die Arbeit eines Schulprojektes in Zusammenarbeit mit den Geographen der Universität Utrecht wurden innerhalb eines Jahres zahlreiche Pingo-Ruinen in der Umgebung von Esens nachgewiesen und in Ansätzen erforscht. Dabei ergaben sich sehr viele Fragestellungen im Bereich der Genese dieser Hohlformen, aber auch im Bezug auf ihre Bedeutung in der Kulturlandschaft. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die Randwälle dieser Pingo-Ruinen bereits in der Steinzeit bevorzugte Lagerplätze waren. In der Bronzezeit wurden Hügelgräber auf diesen Randwällen errichtet, in der Zeit um Christi Geburt wurden Opfergaben in ihnen deponiert, im Mittelalter diente die Struktur als Leitlinie für Dorfanlagen oder als geeigneter Platz für die Gründung von Klöstern. In der Neuzeit wurden Höfe auf den Randwällen errichtet oder die Mulden zum Rösten von Flachs genutzt, das Wasser dieser vermoorten Mulden schien dafür besonders geeignet. Schließlich dienten diese Ruinen im letzten Jahrhundert mit ihrer Torffüllung oft als lokale Brennstoffquellen und wurden ausgetorft. Wenn die Füllung erhalten blieb, stellen sie ein einzigartiges Archiv unserer nacheiszeitlichen Klima- und Vegetationsentwicklung dar und verdienen schon alleine deshalb eine besondere Beachtung. Aber auch ihre Bezüge zur Kulturlandschaft sind offenbar groß und warten noch auf ihre Erforschung, die in den nächsten Jahren in Zusammenarbeit mit verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen fortgesetzt werden soll.

Das Projekt wurde von der Aktion „Schule trifft Wissenschaft“ der Robert-Bosch-Stiftung in die engere Auswahl für eine Förderung genommen und zu einem der besten acht Projekte in Deutschland gewählt. Die Irma-Waalkes-Stiftung aus Emden  unterstützte das Projekt mit einem Preis von 1000 Euro, weil mit der Erforschung dieser Biotope ein bedeutender Beitrag für den Erhalt der Biodiversität geleistet wird.

Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden in einer vorläufigen Ausstellung im Museum dargestellt, die in den nächsten Jahren um weitere Ergebnisse ergänzt und schließlich in die Kernausstellung übernommen werden soll. Auch hier soll eine Publikation erarbeitet und die Formen in der Landschaft durch eine Fahrradroute erfahrbar gemacht werden. Dazu soll beispielsweise in Zusammenarbeit mit Forstamt und unterer Naturschutzbehörde ein geeigneter Pingo renaturiert, erschlossen und durch Hinweisschilder erlebbar gemacht werden.

Diese Form der Museumsarbeit hat sich in unserem Museum durch das glückliche Zusammentreffen mehrerer Faktoren ergeben. Ausgangspunkt für das Museum waren die eigentlich sensationellen archäologischen Funde im Watt nördlich von Esens. Spuren einer untergegangenen Siedlung haben immer ihren besonderen Reiz, die Sage von Atlantis und die verzweifelte Suche danach belegt diese These sicherlich. Neben umfangreichen Funden von Keramik und Tierknochen wurden auch Gräber, Brunnen, Hauspfosten und die Spuren von Torfstichen sichtbar. Neben der Gewinnung von Brenntorf wurde hier auch Torf zur Salzgewinnung gestochen (Friesensalz). Spuren von alten Deichen wurden sichtbar und selbst ein mittelalterliches Siel konnte nachgewiesen werden. Da diese Arbeiten hier aber von einem Lehrer zusammen mit Schülern geleistet worden waren, ergab sich ein unmittelbarer Zusammenhang mit der Schule, der dann auch bei der Konzeption des Museums sichtbar wurde. Die Museumskonzeption wurde von Anfang an auf die Lernziele der Schulen ausgerichtet, um sich diese Zielgruppe zu erschließen und hier einen außerschulischen Lernort entstehen zu lassen.

Besondere Aktualität erhielt die Konzeption durch die seit etwa 10 Jahren aufkommenden Diskussion über den beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels. Der ist natürlich für das menschliche Auge so nicht unmittelbar wahrnehmbar, aber die Spuren von zweitausend Jahre alten Siedlungen auf dem Boden des Wattenmeeres bei Niedrigwasser, wo heute bei Hochwasser drei Meter hoch das salzige Meerwasser steht, sind doch ein überzeugendes Argument für den Prozess des Meeresspiegelanstiegs. Vier untergegangene Kirchen und zahlreiche andere Siedlungsplätze aus der Zeit von 300 v.Chr. bis 1500 n.Chr. belegen in genügendem Maße, dass dieser Prozess Realität ist und die Natur schließlich stärker als der Mensch ist.

Insgesamt gesehen erachte ich es für notwendig, dass kleine Museen sich die Schule mit ins Museum holen. Sie müssen ihre Konzeption an den Bedürfnissen der Schule ausrichten, um diese Zielgruppen auch zu erreichen. Sie sollten auch vor aktuellen Entwicklungen nicht haltmachen, sondern diese in ihre Konzeption mit einbauen.

Erforderlich ist dazu der unmittelbare Kontakt zu den Schulen der Region. In der Region Ostfriesland gibt es dazu die Einrichtung der Museumlehrer, die stundenweise an Museen abgeordnet werden können, um die Museen für die Schule attraktiv zu machen. Die bringen ihre Schüler mit ins Museum und damit ist der Kontakt zur jungen Generation hergestellt.

Schüler bei der Bohruntersuchung einer vermoorten Pingo-Ruine


Fazit


  • Kulturlandschaft ist ein historisches Dokument, das man lesen und verstehen kann, wenn man es gelernt hat.

  • Man gewinnt damit eine Einsicht in die Hintergründe der biologischen Vielfalt unserer Landschaft und ist damit in der Lage, diese zu schützen.

  • Museen können als Vermittler dienen, die Kulturlandschaft für die Menschen verständlich zu machen.

  • Bei dieser Aufgabe können Schüler im besonderen Maße mitwirken, da hier Aspekte der Geographie, Geschichte und Wirtschaft zusammenwirken und die Ergebnisse ihrer Arbeit sinnvoll genutzt werden. Zugleich werden damit die Ergebnisse der Museumsarbeit auch in die regionale Bevölkerung getragen.

  • Museen sollten Kooperationen mit Schulen eingehen, die sich nicht nur auf die Nutzung beziehen, sondern auch auf die inhaltliche Gestaltung und Weiterentwicklung des Museums.



Literatur:


Küster, Hansjörg:   Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, München 1995

Wiegand, Christian: Spurensuche in Niedersachsen, Hannover 2002

Behre, Karl-Ernst: Landschaftsgeschichte Norddeutschlands, Neumünster 2002

Heinze, Axel: Klöster in der Samtgemeinde Esens, Esens 2008










 

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